Ich bitte häufig meine Klienten darum, ein Journal zu führen. Auch in der Praxis liegen neben dem Sessel auf einem Tischchen immer Stift und Papier bereit. Nicht nur ich mache mir Notizen, sondern auch für meine Klienten ist es hilfreich, das zu tun.

Warum? Nun, ein Journal  hilft Ihnen, Ihre Fortschritte in Richtung auf Ihr Ziel zu dokumentieren, Ihre Gedanken zu reflektieren oder zu erinnern, Übungsroutinen zu entwickeln und einzuhalten, die schrittweise Veränderung Ihres Denkens und Fühlens besser wahrzunehmen, zu schauen, wie war das denn am Anfang, und wie ist es jetzt.

Eine Therapie hat zum Ziel, Ihr Denken zu verändern. Weg von  den üblichen automatischen, leidvollen Gedanken hin zu einem neuen Denken, mit dem Sie sich wohl fühlen. Das ist möglich, weil unser Gehirn in Reaktion auf unser Erleben, Denken, Fühlen und Handeln in ständigem Umbau ist. Man nennt das Neuroplastizität. Wenn Ihr Gehirn sowieso  in beständigem Wandel ist, warum sollte es sich dann nicht umbauen können zu einem Gehirn, das ganz automatisch freudige, zuversichtliche Gedanken denkt? Die gute Botschaft ist, dass das tatsächlich möglich ist. Wenn wir von Denkbahnen sprechen, meinen wir zwar den Weg, den unsere Gedanken nehmen, ihre Abfolge, aber die Bahnen existieren auch ganz materiell im Gehirn in Form vieler Synapsen, die alle in die gleiche Denkrichtung verknüpfen. Wenn Sie Ihr Gehirn zu einem positiven Denken umbauen möchten, müssen Sie es füttern mit allem, das neue Synapsen entstehen lässt in Richtung glücklicher Gedanken und des Wohlbefindens anstelle der bisherigen leidvollen Gedanken. Darin steckt eine gewisse Herausforderung. Denn für das Wachstum solcher neuer freudiger automatischer Gedanken gilt das gleiche wie für Ihren ganzen Körper:

  1. Übung macht den Meister.
  2. Von nichts kommt nichts. Und
  3. Use it or loose it.

Keine Grifffolge an einem Musikinstrument gelingt ohne Übung. Kein Muskel wächst ohne Belastung. Im Gegenteil, übt man nicht, geht es rückwärts oder in eine andere unerwünschte Richtung.

Das ist ein wichtiger Punkt. Kein Therapeut kann Ihr Denken für Sie verändern. Er kann Sie dabei unterstützen, die heilsamen Gedanken hervorzubringen und Methoden mit Ihnen einüben, aber wo es etwas zu Üben gibt, bleibt der Löwenanteil des Übens bei Ihnen. Neu denken in Ihrem eigenen Gehirn, das können nur Sie selbst.

Hier kann das Journal helfen. Mit einem Journal fällt es vielen Menschen leichter, eine Übungsroutine zu finden und einzuhalten.

Dabei gilt es eines zu beachten: Führen Sie Ihr Journal mit Verstand und liebevoll im Umgang mit sich selbst. Warum ich das sage? Ich möchte hier eine Warnung vor Überperfektionismus beim Führen des Journals aussprechen. Wir leben in einer Zeit übertrieben perfektionistischer Ansprüche. Da alles möglich scheint, verlangen viele von sich, dass ihr Ergebnis nicht hinter dem äußersten Möglichen zurücksteht. Alles muss perfekt sein, die berufliche Leistungsfähigkeit, der Erfolg, die Schönheit, die Gesundheit, die Fitness, die Partnerschaft, die Kinder … Je perfekter, umso besser, denn das ist so weit wie irgend möglich entfernt von Versagen, Armut, Krankheit, Einsamkeit …

Angst ist der Antrieb für Perfektionsstreben.

So führt heute eine überforderte Generation einen harten Kampf um die Rückgewinnung ihrer Kontrolle über ein ihr entgleitendes Leben. Diese mit Computern, Internet und Filzstiften groß gewordene Generation versucht mit diesen drei Mitteln – Computer, Internet und Filzstiften –, sich auf wirkliche und vermeintliche Anforderungen zurechtzutrimmen. Mit allen Mitteln und verqueren Ideen der Selbstoptimierung, peinlichst dokumentiert und verfolgt mit allen möglichen elektronischen Trackern oder manuellem Tracking im Abhaken von To-do-Listen oder auch dem Führen von Journalen. Journaling und das auch noch hübsch verziert und in Schönschrift als Bullet Journal im Internet tausendfach geteilt und natürlich im Wettbewerb, wer wohl das schönste Journal oder zumindest die schönste Trackingliste entworfen hat. Zu den beruflichen und familiären Anforderungen kommen dann noch – obendrauf gepackt – die Anforderungen an sich selbst.  Genug schlafen. Gut genug schlafen. Genug trinken. Low Carb essen. Oder fettfrei. Oder Paleo. Oder glutenfrei. Genug Schritte heute? Yoga. Meditieren. Täglich was ausmisten. Usw.. Der Berg der Überforderung wird so immer größer. Aus dieser Selbstkontrolle und gegenseitiger Kontrolle in den Communities gibt es kein Entrinnen. Wer abends beim Eintrag in sein hübsch gestaltetes Journal denkt „Sch…, wieder keine 3 Liter getrunken.“ haut sich selbst in die Pfanne. Und das ist bezogen auf die Idee des Journalführens keinesfalls im Sinne des Erfinders. Das Journal soll Sie ja unterstützen, weg von leidvollen, hin zu neuen Gedanken des Wohlbefindens!

Wie also führen Sie ein Journal richtig?

Führen Sie Ihr Journal entspannt. Tragen Sie einfach ein, woran Sie sich später erinnern möchten. Erzählen Sie ihm, was Sie Ihrem besten Freund erzählen würden, vor dem Sie keine Geheimnisse haben. Schreiben Sie auf, wie es ihnen heute geht, was Sie an sich oder in Ihrem Umfeld beobachtet oder heute gelernt haben. Oder was heute schön war, wofür Sie dankbar sind. Es genügt, wenn Ihr Journal nur eine einzige Trackingliste beinhaltet: für eine tägliche imaginative Übung von maximal 20 Minuten, die ich die „10×5-Übung“ nenne. Sie ist in einem eigenen Beitrag „Die 10×5-Übung“ beschrieben. Diese Übung ist grundlegend, um Ihnen alle Veränderungen, die Sie anstreben, zu erleichtern und soll deshalb täglich gemacht werden. Alles andere ergibt sich dann wie von selbst.

Viel Spaß mit Ihrem Journal!